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Rigasche Rundschau, 4.12.1913 [russ. Kal. 21.11.13]:

 

 

  */* Petersburg. Gestern traf auf dem Warschauer Bahnhof mit dem Wiener Zuge um 12 Uhr der bekannte Kinoschauspieler Max Linder ein. Schon um 11 Uhr erwartete ihn eine  tausendköpfige Menge, Photographen und Kinematographen. Max Linder wird in Petersburg in einer Revue "Liebe und Tango" auftreten, die halb Theateraufführung, halb Kinodarstellung ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

St. Petersburger Zeitung, 4.12.1913 [russ.Kal.:21.11.13]:

 

 

  Max Linder, der beliebte Kinoschauspieler, ist am 20. November in Petersburg eingetroffen, wo er im Theater "Son" auftreten wird. Seine Ankunft hatte eine Menge Photographen, auch viel Publikum zum Bahnhof gelockt, das ihm einen warmen Empfang bereitete.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

St. Petersburger Zeitung, 6.12.1913 [russ.Kal.:23.11.13]:

 

 

  - Erstes Gastspiel von Max Linder im Theater Sonn. Donnerstag den 21. November. Wer mit der Sensationslüsternheit des Publikums rechnet, verrechnet sich selten. Zu Tausenden waren die Menschen herbeigeströmt, den Riesenraum des Theaters bis auf das letzte Eckchen füllend und jeden Quadratzoll Bodens mit teurem Gelde bezahlend. Galt es doch, einen der populärsten Menschen unserer Zeit, den berühmten Kinematographenkönig Max Linder, endlich leibhaftig vor Augen zu sehen. Durch die minderwertige Vorstellung der nachgerade schon langweilig gewordenen "Lustigen Witwe" ist die Spannung im Publikum aufs äußerste gestiegen. Plötzlich erscheint vor dem Vorhang der Regisseur und meldet mit betrübter Miene, daß Max Linder ein Automobilunfall betroffen, daß die Vorstellung nicht stattfinden könne und das Geld an der Kasse zurückgezahlt werde. Schon will ein Sturm der Entrüstung losbrechen, da erhebt aber der Kapellmeister seinen Dirigentenstab, und die Entrüstung weicht einem überlegen ungläubigen Lächeln. Bühne und Saal werden plötzlich dunkel und endlich - endlich erscheint Max Linder auf der - Leinwand. Jammerschade, daß die Dunkelheit in diesem Augenblick keine physiognomischen Beobachtungen zuließ. Jedenfalls stand die Länge der Gesichter im Publikum in direkt proportionalem Verhältnis zur Länge des kinematographischen Bandes. Max Linder eilt in einem Auto zur Vorstellung, erleidet eine Panne, kramt sich schnell aus den Trümmern heraus, besteigt ein ledig stehendes Pferd, eilt weiter, stürzt, durchschwimmt ein Wasser, eilt zu Fuß weiter, erblickt einen Luftballon, der sich zur Fahrt erhebt, schwingt sich in den Korb, und wie der Ballon über dem Theater Sonn schwebt, läßt sich Linder an einem Strick auf dessen Dach herab. Plötzlich wird es hell, und an einem Strick gleitet nun der leibhaftige Max Linder auf die Bühne hinab. Der Uebergang vom Schein zur Wirklichkeit ist so frappant und so geschickt gemacht, daß ein kaum dagewesener Beifallssturm losbricht. Nachdem sich der Sturm endlich gelegt, entschuldigt sich Max Linder in gebrochenem Russisch seiner Verspätung wegen, der Vorhang geht auf und die Vorstellung der Burleske "Die Liebe und der Tango" beginnt. So eigentümlich es klingen mag, aber für mich war dies originelle und effektvolle Entree der interessantere Teil seines Auftretens. Schein und Wirklichkeit sind eben in ihren Wirkungen doch nicht identisch. Wer auf der Leinwand komisch wirkt, verliert mitunter, wenn es reale Formen annimmt, seine Komik und umgekehrt. Eklatante Beispiele dafür sind einerseits Warlamow, der auf der Leinwand einen großen Teil seiner Komik einbüßt, und andererseits Linder, der wiederum in der Wirklichkeit an Komik verliert. Was man im Kinematographen zuweilen kritiklos hinnimmt, das ruft im wirklichen Leben Kritik hervor.

    Im Reiche des Kinematographen ist Max Linder einzig, auf der Bühne aber dürfte er Konkurrenten haben. Er ist ein brillanter Exzentriker mit einer bis ins Maßlose gesteigerten Ausdrucksfähigkeit, die ihn geradezu für den Kinematographen prädestiniert, im Leben aber als zu starke Uebertreibung empfunden wird. Bewundernswert ist seine akrobatische und dabei doch hoch elegante Geschmeidigkeit und Geschicklichkeit, die aber mehr ins Variété als in den Rahmen eines Bühnenstücks hineinpaßt, wie bizarr es auch sein möge.

    "Die Liebe und der Tango" ist eine von ihm selbst, augenscheinlich für den Film bestimmt, zusammengestoppelte Burleske. Als Anbeter einer schönen, jungen Frau, wird er von ihrem eifersüchtigen Gatten überrascht und muß die Rolle eines "Coiffeur malgré lui" spielen, was natürlich eine Fülle der komischsten und unwahrscheinlichsten Situationen ergibt, die von ihm weidlich ausgenutzt werden. Zum Schluß tanzt er mit dem lieblichen und graziösen Frl. Mitchele einen Tango, der an Eleganz und Grazie bis jetzt in Petersburg unübertroffen dastehen dürfte. Der Erfolg war ein starker, und das Publikum amüsierte sich vorzüglich. Alfons Schultz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rigasche Zeitung, 6.12.1913 [russ. Kal., 23.11.13]:

 

 

  Ein Held unserer Zeit.

 

   In Petersburg ist Max Linder eingetroffen, ein Mensch, zu dem “Kommentare überflüssig” sind, weil ihn jedermann kennt. Man kennt ihn in Kalkutta, wie in Tambow, in Berlin wie in Singapore, auf Majorka und Minorka. Sein Name ist populärer als alle anderen Namen, denn er ist weder ein Gelehrter, noch ein Kriegsheld, weder ein Dichter oder Maler, noch ein Staatsmann, er ist ein Kientopp-Mime. In Petersburg, wo er mit einem ganzen Stab von Sekretären, Kammerdienern und Faktotums eingetroffen ist, empfing ihn eine vieltausendköpfige Menge und er wurde auf die Schultern gehoben und auf diese Weise zum Auto gebracht. Er wunderte sich darüber durchaus nicht, er faßte es als eine Selbstverständlichkeit auf. Und sein Triumphzug wird demnächst auf den Film denen gezeigt werden, die ihn nicht haben persönlich empfangen können. In tausenden von Kinotheatern, von den elendsten Bretterbuden bis zum Feenpalast. “Ihrer sind furchtbar viele – so schreibt ein bekannter Petersburger Journalist – dieser Kientopps. Man denke nur: Es gibt ihrer mehr in der Welt als Apotheken, als Gasthäuser, als Schulen, mehr als Krankenhäuser, mehr als Banken, mehr als Kirchen! Man bedenke: Mehr als Kirchen! Und Kirchen baut der Mensch seit 19 Jahrhunderten und Kientopps erst seit 19 Jahren! Und mich überläuft es kalt bei diesem Gedanken”…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rigasche Rundschau, 16.12.1913 [russ. Kal.: 3.12.13]

 

 

Vermischtes

 

   Ein Abend bei Max Linder im Riesentheater von Son. Aus Petersburg, 30. November, wird uns geschrieben: Im Vorverkauf in der Zentraltheaterkasse auf dem Newski erhielt ich gestern noch 3 Billetts in der 18. Reihe für 3 Rbl. 30 Kop. und präzise 8 ½ Uhr waren wir im Schlitten an dem Kolossalbau des Sportpalastes am Kamenoostrowski Prospekt 42 angelangt, und nur mit Mühe konnten wir unsere Oberkleider in der Garderobe abgeben, so enorm war der Andrang dort wie auch an der Hauptkasse, wo Billetts von 1 ½ Rbl. (Stehplätze) bis 10 Rbl. im Parterre und Logen für 25 – 35 Rbl. verkauft wurden und mächtigen Absatz fanden. Dieser Theatersaal ist der größte in Petersburg, und der weit über Tausend Stühle fassende Raum vor der Bühne nimmt kaum mehr als ein Drittel des Riesensaales ein, ungerechnet die vielen, großen Logen und den enormen Balkon, auf dem in den endlos langen Zwischenakten ein recht gutes rumänisches Orchester spielt und die Operettenmusik ablöst, die das Theaterorchester bietet. Gegeben wurden zuerst zwei Akte der lustigen, ziemlich neuen Operette “Die Macht der Liebe” ein musikalischer, heiterer Schwank mit ausschließlich glücklich gestohlenen Melodien. Infolge der endlosen Zwischenakte wurde übrigens der 3. Akt weggelassen. Dann kam Max Linder! Posaunenstöße kündeten die Ankunft des “Weltberühmten” wiederholt in amerikanisch aufdringlicher Mache vorgeblich an. Dann erschien, wie allabendlich der Impresario und verkündete, daß zu seinem allergrößten Leidwesen Max Linder sich bei einer Ausfahrt verspätet habe, und diejenigen, die es wünschten, an der Kasse ihr Geld zurückerhalten könnten. Doch war das unmöglich, da in demselben Augenblick der Saal stockfinster wurde und die Irrfahrten des gerissenen Knaben Max sofort kinematographisch vorgeführt wurden – im Auto, zu Pferde, schwimmend und zum Schluß per Luftballon, von wo aus er dann plötzlich unter nicht enden wollendem Jubel sich an einem Seil aus den Lüften auf die Rampe herunterließ, um in sehr komisch gebrochenem Russisch die Worte zu sagen: “Iswinite, tscho oposdal, no milosti Gospoda und milostiwi Gosudariny, - ja - - - I bolsche nitschewo! Wieder toller Jubel! Dann begann ein alberner französischer Einakter, in dem Max Linder als Tangotänzer das Herz eines schönen reichen Mädchens erwirbt und sich Zutritt zur Familie als Friseur verschafft, wobei er seine Braut scheußlich frisiert und den Schwiegervater in spe über den Löffel barbiert. Endlich, als der Alte sich betrogen sieht, zieht er den Revolver gegen Max Linder, und jetzt geht nun eine echt Lindersche wilde Jagd los, wobei alles umgerannt und umgeworfen wird, Max in einen rasch geräumten Reisekoffer springt, um, als der nun ganz siegesbewußte Papa mit dem Revolver in der Hand den Kofferdeckel sachte heben will, plötzlich im Publikum (durch einen unsichtbaren Tunnel entflogen) aufzutauchen. Der Jubel des fast irrsinnig werdenden Publikums über diese recht flott gespielte, aber sonst absolut unsinnige Klownerie war unbeschreiblich. Alles drängt zur Bühne, suchte mit ihm zu sprechen oder gar seine Hand zu berühren und er der Weltberühmte tat in wenig Minuten alles, um jeden einzeln persönlich noch mehr zu bezaubern und für sich einzunehmen. Dabei wurden Unmassen seiner Photographien, eine Pfennigware zu einem Rubel das Stück, an das Publikum, das zu 2 Dritteln aus Damen bestand, verkauft. Man sah, hörte und staunte, denn alles war Mache und Reklame und Max Linder und auch sein Tango wäre ja nichts Besonderes gewesen, wenn der Darsteller statt Max Linder Durow oder Giacomino gewesen wäre, aber so war das Publikum ganz aus Rand und Band und es wurden ihm Ovationen dargebracht, wie kaum einem wirklichen Künstler. Das ist ganz Petersburg, alles immer übertrieben und ist die Mise en scène nur gut und die nötige Reklame vorausgegangen, so kann man fast immer mit Bestimmtheit auf Erfolg und gute Kasse rechnen, während wirklich künstlerische Leistungen oft leider recht wenig Beifall bei der Masse haben. O. v. G.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

St. Petersburger Zeitung, 17.12.1913 [russ.Kal.:4.12.13]

 

 

    M.T. Max Linder - ein Schwindler? Der Petersburger Korrespondent der Russ. Sslowo berichtet im genannten Blatt, daß er während der Vorstellung Max Linders zufällig in sein Ankleidezimmer gelangte und hier zu seinem großen Erstaunen den Artisten vorfand, während in derselben Zeit sein Regisseur, als Max Linder verkleidet, sich am Seil auf die Bühne herabließ. Es erwies sich, daß der richtige Max indisponiert war und seinen Sekretär für sich spielen ließ. Als die Zuschauer Max Linder enthusiasmiert vor die Rampe riefen, verließ der richtige Max sein Zimmer, um den Applaus entgegenzunehmen.

    Die Verantwortung für die Richtigkeit dieser Meldung müssen wir natürlich der Russk. Sslowo überlassen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Projektion, 25.12.1913:

 

 

   Max Linder in Rußland.

 

    Max, der Filmkönig, hielt vor kurzem seinen Einzug in St. Petersburg und war Gegenstand lebhafter Ovationen. Das Publikum hatte Gelegenheit, den unverwüstlichen Max mit seinen guten Umgangsformen und seiner erobernden Liebenswürdigkeit zu sehen und sich zu überzeugen, daß seine Zunge ebenso gut funktioniert wie seine Augen und daß seine Stimmbänder die erforderliche Geschmeidigkeit haben. Max Linder, der bisher von der Kinobühne herab so beredt zu schweigen wußte, lieferte nun den Beweis, daß er auch beredt zu reden weiß.

    Ueber sein erstes Auftreten im Riesentheater von Son wird uns geschrieben: In dem Kolossalbau des Sportpalastes am Kamerocstrowski Prospekt 42, größter Theatersaal in Petersburg, trat Max Linder in einem Sketch: "Tango und Liebe" auf. Gegeben wurden zuerst zwei Akte der lustigen, ziemlich neuen Operette "Die Macht der Liebe", ein musikalischer, heiterer Schwank mit ausschließlich glücklich gestohlenen Melodien. Infolge der endlosen Zwischenakte wurde übrigens der 3. Akt weggelassen. Dann kam Max Linder! Posaunenstöße kündeten die Ankunft des "Weltberühmten" wiederholt an. Dann erschien der Impresario und verkündete, daß zu seinem allergrößten Leidwesen Max Linder sich bei einer Ausfahrt verspätet habe, und diejenigen, die es wünschten, an der Kasse ihr Geld zurückerhalten könnten. Doch war das unmöglich, da in demselben Augenblick der Saal stockfinster wurde und die Irrfahrten des gerissenen Knaben Max sofort kinematographisch vorgeführt wurden - im Auto, zu Pferde, schwimmend und zum Schluß per Luftballon, von wo aus er dann plötzlich unter nicht enden wollendem Jubel sich an einem Seil aus den Lüften auf die Rampe herunterließ, um in sehr komisch gebrochenem Russisch die Worte zu sagen: "Iswinite, tscho oposdal, no milosti Gospoda und milostiwi Gosudariny, - ja - - i bolsche nitschewo!" Wieder toller Jubel! Dann begann ein alberner französischer Einakter, in dem Max Linder als Tangotänzer das Herz eines schönen reichen Mädchens erwirbt und sich Zutritt zur Familie als Friseur verschafft, wobei er seine Braut scheußlich frisiert und den Schwiegervater in spe über den Löffel barbiert. Endlich, als der Alte sich betrogen sieht, zieht er den Revolver gegen Max Linder, und jetzt geht nun eine echt Lindersche wilde Jagd los, wobei alles umgerannt und umgeworfen wird, Max in einen rasch geräumten Reisekoffer springt, um, als der nun ganz siegesbewußte Papa mit dem Revolver in der Hand den Kofferdeckel sachte heben will, plötzlich im Publikum (durch einen unsichtbaren Tunnel entflohen) aufzutauchen. Der Jubel des Publikums über diese recht flott gespielte Klownerie war unbeschreiblich. Alles drängt zur Bühne, suchte mit ihm zu sprechen oder gar seine Hand zu berühren und er, der Weltberühmte, tat in wenig Minuten alles, um jeden einzeln persönlich noch mehr zu bezaubern und für sich einzunehmen. -

    Der große Filmschauspieler hat in Rußland den vollen Genuß der Redefreiheit, die ihm nebenbei noch sehr viel einbringt. Nicht jede ausländische Größe darf in Rußland sprechen: Max Linder darf es.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rigasche Rundschau, 29.12.1913 [russ.Kal.:16.12.13]:

 

 

   Petersburger Wandelbilder.

   (Briefe an die Rigasche Rundschau.)

   Die Sensationen des Tages. [...] — Max Linder. [...] — Die Futuristen. [...] — Tango.

 

[...]

   Ueber Max  Linder, dem vielgewandten, ist schon von anderer Seite berichtet worden; wenn der Zulauf zu seinen Vorstellungen auch recht stark war, so kann man doch nicht sagen, daß das Erscheinen dieses geschmeidigen Franzosen unser Publikum enthusiasmiert hätte; vielleicht hat zu einer gewissen Kühle der Umstand beigetragen, daß Linder sich einmal, als er sich gerade müde fühlte, von seinem Sekretär hat vertreten lassen; wenngleich nun der Vertreter seinen Chef in vollem Umfange ersetzt haben soll, so haben doch ein paar Reporter von der Affäre Wind bekommen und sie natürlich unverzüglich ihren Lesern aufgetischt. Das hat nun sehr verschnupft, denn man liebt hier nicht Simili; — wenn es sich auch nur um öden Blödsinn handelt, so will man ihn doch echt haben, und das konnte man für sein Heidengeld in der Tat verlangen.

   Wenn also Monsieur Linder bei uns abgefallen ist, so sind die Triumphe, die er eben in Moskau feiert, um so größer. Es ist sonderbar, wie stark der Geschmack Moskaus sich von dem Petersburger unterscheidet, — was in Petersburg nicht gefällt, zieht in Moskau und was den Petersburgern gefällt, dafür haben die Moskowiter nichts übrig, — so ist Willi Ferrero in Moskau sehr kühl aufgenommen worden. Worauf diese augenfällige Geschmacksdifferenz eigentlich zurückzuführen ist, weiß man nicht, aber ich glaube annehmen zu dürfen, daß Moskau manchmal ganz bewußt frondiert, — man will sich von Petersburg nichts vorschreiben lassen. Das paßt durchaus in die Moskowische Psychologie, die keineswegs so gradlinig ist wie man glauben möchte, sie hat sich in der letzten Zeit stark kompliziert.

[...]

   Nach langen, zum Teil in sehr absonderlicher Weise geführten Kämpfen haben sich die vielberufenen und viel geschmähten  Futuristen wenn auch nicht durchgesetzt, so doch für einige Tage in den Mittelpunkt des Interesses gestellt, indem sie an sechs Abenden ein Drama und eine Oper zur Aufführung brachten. Jedes mal war das Theater des Lunaparks, wo diese Aufführungen vor sich gingen, bis auf den letzten Platz gefüllt. Die sonderbaren, skurrilen, vielfach glattweg verrückten Aufführungen riefen natürlich auch lebhaften Widerspruch hervor, der sich zum Teil in ganz urwüchsiger Weise äußerte; anders konnte das auch garnicht sein, denn die Futuristen stellen alle Begriffe von Bühnenkunst einfach auf den Kopf, — sie geben sich als Höhlenmenschen, im besten Falle als Kinder von sieben oder acht Jahren, allerdings als sehr talentvolle Kinder, die ihrer Phantasie freien Lauf lassen und die Wirklichkeit der Dinge mit einer großen Handbewegung einfach fortwischen. Das Zeug, das die guten Leute dort vorbrachten war so sonderbar und ungereimt, daß man beim besten Willen sich nicht eines geradezu elementaren Lachens erwehren konnte, — und doch mußte man bei einigen, nicht gerade sehr wenigen, Stellen dieser Abracadabra sehr nachdenklich werden, denn in dem Chaos zuckten plötzlich Gedanken, Empfindungen, Töne und Farben von großer und eigenartiger Schönheit und Kühnheit auf, die gefangen nahmen und erkennen ließen, daß es sich hier gewiß um eine Verirrung, meinetwegen um Originalitätssucht und Verschrobenheit, aber keineswegs, wie man behaupten möchte, um plumpen Schwindel handelt. In der Tat hat ja der Futurismus in der zeitgenössischen Malerei bereits deutliche Spuren hinterlassen und auch die Mode steht unter seinem starken Einflusse; ob das wünschenswert und gut ist, ist eine andere Frage, jedenfalls erscheint es nicht angebracht über eine starke Kunstbewegung mit einigen Schimpfworten hinwegzugehen, wie das wohl im Großen und Ganzen geschieht.

   Natürlich haben sich an die Futuristen die überall in reichlichem Ausmaße vorhandenen Snobs gehängt, die da glauben, daß das Wesen des Futurismus in den bemalten Fratzen bestehe, denen man neuerdings auf der Straße und in Theatern begegnet und die auch von verschiedenen Wohltätigkeitsveranstaltungen als willkommene Zugkräfte eingeladen werden.

[...]

    Der Tango, der so ziemlich die ganze Kulturwelt um das bißchen Verstand gebracht hat, versucht auch in Petersburg sich einzubürgern; so und so viele Tangokünstler sind aus Berlin und Paris hier in der angenehmen Erwartung einer reichen Goldernte eingetroffen, aber die Herrschaften sehen sich bitter getäuscht, denn es fällt hier niemandem ein für eine Tanzstunde ein Goldstück zu bezahlen. Petersburg ist überhaupt keine Tanzstadt, wenn man schon tanzt, dann überläßt man das Leuten, die dafür bezahlt werden, wie etwa die entzückende Chrysis im Aquarium, die allabendlich ihre Kunst vor einem illustren, sektbegeisterten Publikum zum besten gibt. Das läßt man sich gern gefallen, — aber selbst mitmachen — dazu ist man hier denn doch nicht aktiv genug. O. G-g.